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Renoviert und wiedereröffnet: Boutique Hotel Glacier

Ein Umbau ist eine grosse Aufgabe, für die es eine gewisse Portion Mut und Geduld braucht. Umso motivierender und inspirierender ist die Geschichte des wiedereröffneten Hotels Glacier in Grindelwald.

Jan und Justine Pyott, die Eigentümer des Hotels.
Jan und Justine Pyott, die Eigentümer des Hotels.

Jan und Justine Pyott, eigentlich professionelle Sportler und Betriebswirtschaftler, verwirklichten sich als Quereinsteiger ihren grossen Traum, ein eigenes Hotel zu eröffnen. Sicher war das Wirtschaftsstudium für die Bauherrschaft hilfreich, doch jeder, der einen Umbau plant, weiss, wie viele Facetten er beinhaltet: das Glück, den richtigen Architekten zu finden, das Fingerspitzengefühl bei der Inneneinrichtung und dann sind da noch die Gegebenheiten, die der Altbau und das Bauland mitbringen.

Die Nähe zum Gletscher

Der Name «Glacier» liegt nah: 1864 wurde das Hotel erbaut. Damals reichten die Ausläufer des Oberen und Unteren Grindelwaldgletschers bis ins Tal, kurz vor das Haus. Dadurch diente das Haus zunächst als Unterkunft für die Eisarbeiter, die hier die Eisblöcke abtrugen und das beliebte Kühlmittel teilweise bis nach Paris exportierten. Zu einem 3-Sterne-Hotel wurde die damalige Pension dann mit dem Aufbau des zweiten und dritten Stockes in den 1980er Jahren.

2017 kauften Jan und Justine Pyott das Hotel. Die massgeblichen Veränderungen fanden im ersten Stock und im Parterre des Hauses statt. Im ersten Stock wichen Restaurant und Wäscherei, in der man den beeindruckenden Blick auf die Eigernordwand hatte, zehn neuen Zimmern. Das Restaurant hat jetzt im Erdgeschoss seinen Platz gefunden, die Wäscherei wurde ausgelagert. Die Terrasse wurde von der Ost- auf die Südseite verlegt, wo man den Blick auf die Eigernordwand geniesst. Die drei Treppenhäuser, definitiv zu viel für ein Haus dieser Grösse, wurden ebenfalls entfernt. Mittlerweile gibt es eins, das alle Etagen gleichermassen verbindet. Und auch in der Küche hat sich einiges getan. In den 1980ern entsprach es dem Geist der Zeit, Küche und Servicegänge zu verstecken, statt offen und einsehbar zu gestalten. Zu verstecken hat die Küche des Glaciers nichts: «Nach bereits zehn Monaten stand Gault Millau vor der Tür», erzählt Jan Pyott stolz.

Mit Leidenschaft bei der Sache

Jan und Justine Pyott hatten «wirklich Bock darauf, das zu machen». Damit war eine der Grundvoraussetzungen für solch einen gewaltigen Umbau vorhanden. Die monatelange Recherche zur Geschichte des Hauses, der Umgebung und letztlich der umsetzbaren Möglichkeiten halfen, das Traumprojekt zu realisieren. Mit einem selbst erstellten Moodboard kontaktierte das junge Eigentümerpaar die Architektin Francesca Alder. In der gemeinsamen Zusammenarbeit lag der Fokus auf der Verbindung des Elementes Eis mit moderner Architektur und Interieur. Denn wegen des Gletschers, der um 1860 bis vor die Brücke des Hotels reichte, spielten das Eis und dessen Abbau eine grosse Rolle. Immer wieder erkennt man das Thema, das sich durch die Designsprache des Hauses zieht, wie beispielsweise an der Eiszangen-Lampe, der Lampe im Treppenhaus, die an einen Eiswasserfall erinnert, oder an den Schiebetüren in den Zimmern. Kombiniert wird es mit Holz, Gestein und kräftigen Farben wie Königsblau, Orange und Rot.

Wie Zuhause

Ähnlich, wie sich im eigenen Zuhause die Anforderungen verändert haben – man sehnt sich nach einem wohnlichen Badezimmer mit möglichst wenig kühlen Kacheln, einer gemütlichen Küche, die an den Wohnraum anschliesst – ändern sich auch die Bedürfnisse der Gäste im Hotel. Diesen Gedanken verfolgten die Inhaber beim Umbau. Um dem heutigen Wellnessgedanken gerecht zu werden, wurden die Bäder vergrössert. Der Wohnraum ist gemütlich eingerichtet, blau gestrichene Wände, Holz und mattes Gold dominieren. Alle Zimmer bieten den Ausblick auf die legendäre Eigernordwand oder die Bergwelt rund um Grindelwald, die man vom Balkon aus bestaunen kann. Ganz nach dem Motto eines Boutiquehotels haben alle 28 Zimmer etwas Individuelles. Und trotz der vielen Neuerungen befindet sich in jedem Zimmer auch etwas Altes: Die Tische des vorherigen Besitzers dienen jetzt, halbiert und lackiert, als Sideboards in den Zimmern. Von einer reinen Pension, in der die Besucher Grindelwalds nach einem Ort zum Schlafen suchten, ist das «Glacier» zu einem Hotel geworden, in dem man sich wie zuhause fühlt und es vor lauter Geborgenheit und Gastfreundschaft am liebsten nicht mehr verlassen würde. Das Eigentümerpaar wagte es, mit dem Vorgegebenen zu brechen, jedem Zimmer nicht nur den eindrucksvollen Ausblick zu gewähren, sondern es auch auf hohem Niveau und sehr modern einzurichten. Eine Veränderung, die bis zum Tag der Eröffnung für die Gastgeber spannend war: «Wir haben das Haus so sehr verändert, also im Prinzip das Produkt... kommt das an?» Indem sie unter den rund 100 exklusiven «Design & Lifestyle»-Hotels der Schweiz von Hotelleriesuisse gelistet wurden, haben sie die positive Antwort innerhalb des ersten Jahres bekommen – auch von uns. Chapeau!

Boutique Hotel & Restaurant Glacier
3818 Grindelwald

Text: Hannah Franziska Krautwald
aus: Häuser modernisieren, Heft Nr. 2/2019

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